Die Chöre von Wagner

Der Gast von gestern Abend war aus Oberhausen. "Klar, kenne ich Oberhausen", sagte ich. Und nicht nur von den Ebay Kleinanzeigen Oberhausen. "Die Oberhausener Kurzfilmtage sind doch genauso bekannt, wie die Bayreuther Wagner-Festspiele." Der Gast musste lachen. Er hatte einen eleganten Mohair-Anzug an, schätze auf Boss. Das ist wie Äpfel mit Birnen vergleichen. Ich stimmte ihm zu. "Das hängt wohl vom Interesse des Einzelnen ab", erwiderte ich. "Mögen sie Filme?" "Ich mag auch Wagner", sagte ich ehrlich. Der Chor der Walküren ist doch ergreifend. "Meinen Sie die Chöre von Francis Ford Coppola oder von Richard Wagner?" Arroganter Pinguin, dachte ich mir. Warum soll ich nicht den Ring in seiner vollen Länge mir in verschiedenen Inszenierungen angeschaut haben. "Film und Oper schließt sich nicht aus. Schauen Sie sich die Inszenierung aus Valencia an", konterte ich. "Ehrlich gesagt, habe ich den Ring noch nicht in seiner Gänze gesehen", erwiderte der Vogel auf meinem Rücksitz.

Ich hätte gern die Tür aufgemacht und ihn fliegen lassen. Dann hätte er zeigen können, dass Pinguine fliegen können. Allerdings fehlte mir dazu der entsprechende Knopf in meinen Amaturen. Den automatischen Türöffner muss ich mir noch einbauen lassen.

Mein Gast gähnt noch eine Weile im Rückspiegel, zu dem ich artig ja, ja sagte. Dann warf ich ihn vor dem Festspielhaus raus. Am nächsten Morgen bin ich gründlich über das Leder gegangen. Nicht das noch Pinguin Köttel auf meinen Sitzen klebt. Weiß gar nicht, wie das bei Pinguinen aussieht. Könnte mir vorstellen, dass es nichts anderes ist, als bei allen anderen Vögeln auch.

15.12.10 10:01, kommentieren

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Mein Mutti

Meine Wohnung ist mein Mercedes. Mit einem 240er, Baujahr 1978 bin ich unterwegs. Ihr denk, alte Mühle. Aber weit gefehlt. Hat jeden Komfort, meine Kutsche. War komplett zerlegt, geölt und neu zusammengeschraubt, bevor ich die Fahrt damit antrat.

"Hey Mann, geiles Auto!", die Tür knallen sie alle. Wenn sie sich in meinen Wagen setzen. Denke wohl bei dem alten Modell, muss man kräftig ziehen. "Gefällt's Ihnen, wo wollen Sie hin?, frage ich. Es scheint gerade so ein Retro-Welle reingekommen zu sein, auf der ich mit meinem Schlitten ganz vorn mitfahre.

Aber Mutti erfordert viel Pflege. Mutti, so nenne ich den Benz, seitdem meine Mutter gestorben ist. Er ist mein zweiter Wohnsitz, meine Extrahaut, meine Superhelden-Kostüm oder mein Schutzschild. Ich drücke die Knöpfe runter und niemand kann sich mehr als 30 Zentimeter nähern. Ich drehe das Radio auf und niemand kann mich anmachen. Sie können die Fensterscheiben anbrüllen, aber nichts dringt hindurch in mein Auto voll Musik.

Nachts geht's die Bismarckstraße hoch, abgebogen in den Wittelsbacherring und dann in die Cosima-Wagner-Straße. Die Touristen während der Festspiele in ihr Hotelzimmer fahren. Die drücken ihre Gesäße in das Leder auf der Rückbank. Wie viele davon das Leder schon gesehen hat, wie unterschiedlich sie wohl waren. Manche werden wohl auch eine fahren lassen haben. Und ich haben den Geruch am nächsten morgen mit einem Feuchttuch weggewischt. Auch die Fensterscheiben und die Türgriffe wische ich jeden Tag ab. Am wichtigsten ist das Aussehen, das habe ich gelernt. Nicht nur meine Mutti blinkt, sondern auch ich. Da können sich die noch so reichen Damen und Herren keine Mund zerreißen.

1.12.10 19:00, kommentieren

Hallo ihr Liebsten,

ich bin Silvi und ich bin die gelangweilste, reiche Hausfrau dieser Welt! Mein Mann ist ständig auf Geschäftstsreise und ich sitze zu Hause und langweile mich. Ab und zu kommen Freundinnen vorbei und wir tratschen über den neuesten Klatsch der Nachbarschaft, doch wenn sie weg sind, ist mir wieder langweilig. Mir wurde dann erzählt, dass man im Internet bloggen kann. Ich hielt erst nichts davon, weil sich das alles so dubios anhörte, doch dann erkannte ich den Nutzen darin. Ich schreibe einfach über mein Leben! Ich lese auch gern andere Blogs von Leuten, die von ihrem Leben erzählen, das ist wirklich interessant. Was ich vielleicht für langweilig empfinde, halten andere für spektakulär oder hochbrisant! Und andersrum finde ich Blogs über das Leben von Berufstätigen oder Studenten total spannend. Was die alles so erleben, Wahnsinn!! Manchmal denke ich, ich sollte auch Studieren, aber dann müsst ich mich ja in einen Saal mit vielen anderen Menschen setzen und wer weiss ob der neben mir heut morgen geduscht hat! Igitt! Ab und zu setze ich eben auch Kommentare unter die Blogeinträge, weil ich demjenigen ja mitteilen möchte, was ICH davon halte. Und letztens habe ich eine geheimnisvolle Nachricht erhalten:



“Liebe Silvi, vielen Dank für dein Kommentar. Das ist ja hier leider eine Seltenheit geworden. Trotzdem solltest du beachten, dass man nicht alles als Kommentar schreiben kann. Vor allem nicht in dieser Länge. Was du davon hälst, kannst du ruhig schreiben, aber was du in dieser Situation (Wäsche waschen ) gemacht hättest und warum du sowas nie machen würdest, war wirklich unpassend! Jeder hat schon einmal Wäsche gewaschen und dass du in der Zeit lieber einen Brandy trinken und deine Füsse lackieren lassen würdest, wollte niemand wissen. Man kann ja unschwer erkennen, dass du einen gehobenen Lebensstandard hast, aber denk nicht, dass den jeder hat.” Hmm, was wollte sie mir denn damit jetzt sagen? Ein Kommentar schreiben: Ja! Aber ein Kommentar mit eigener Meinung: Nein! Ich bin jetzt leicht irritiert. Und dann hat sie nicht mal ihren Namen genannt oder mir Liebe Grüsse dagelassen, was für eine Unverschämtheit. Vielleicht werde ich einfach ihr Profil melden und darunter schreiben: Unhöflich und Verwirrt! Ich werde auf diese eigenartige Nachricht nichts geben, ich bin eben Silvi und kann mir sowas leisten!! Genauso wie mein Poolboy, Gärtner und meine Kosmetikerin! Hach, ein schönes Wortspiel! Mein Ferienhaus

3.11.10 14:52, kommentieren